Aufmarsch der Völker – Fasching beim TV Ebern

FASCHING – Die „Turner“ haben der fünften Jahreszeit in Ebern über viele Jahre hinweg ihren Stempel aufgedrückt. Dabei zeigten sie sich ausgesprochen weltoffen und kreativ. Die „Turner“ haben gut lachen, nicht nur im Jahr des 150. Vereinsjubiläums. Denn positive Stimmung hat der TV Ebern schon vor Jahrzehnten verbreitet. Nicht nur, aber gerade im Fasching, und lange bevor der Kulturring das närrische Zepter in die Hände nahm.

Handballer mit Wagen bei Faschingsumzug - Fasching beim TV Ebern

Handballer mit Wagen bei Faschingsumzug – Fasching beim TV Ebern

Die tollen Tage müssen Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Ebern tatsächlich toll gewesen sein, denn der TV inszenierte ganze „Völkermärsche“, wie die Chronik des Jubelvereins verrät. Die Ältesten der Stadt haben noch vage Erinnerungen an diese Glanzzeiten.

Indianisches Kriegsgeheul

Dabei hatten die „Turner“ beim Auftakt dieser Faschingsveranstaltungen im Jahr 1927 richtig Pech. Mehr als ein halbes Jahr lang hatten sie sich auf das Spektakel vorbereitet. Damals galt der 1912 verstorbene Autor Karl May noch als Volksheld. Jeder kannte Winnetou und seine Apachen. So beschloss man: Indianer sollten im Februar auf Kriegspfad gehen. Pierre Brice und Lex Parker waren damals noch nicht als „Bravo“-Starschnitt zu haben, und so fertigten die „Turner“ eigens Muster für die Kostüme, für Krieger und Squaws. Im stillen Kämmerchen wurde monatelang geschneidert, und am Ende standen 150 Rothäute bereit, 30 davon beritten. Petrus allerdings steuerte das bei, was man im Wilden Westen Blizzard nennt: 36 Grad Kälte und einen Sturm, der den Aufbau des Festwagens zerfetzte. „Eine Heidengaudi“ muss das damals gewesen sein.

Dennoch, die „Turner“ hatten Lunte gerochen. Im Jahr darauf wählten sie ein vermeintlich beschaulicheres Szenario für ihren Fasching: „Alt Heidelberg“. So hieß ein Schauspiel von Wilhelm-Meyer Förster, das damals zu den meistgespielten deutschen Theaterstücken gehörte und unter anderem 1927 von Ernst Lubitsch verfilmt wurde. Zum Faschingmochte es so recht gepasst haben. Schriftsteller Kurt Tucholsky nannte es einen „Schmachtfetzen“ und Bert Brecht ein „Saustück“.

Rund 200 Beduinen machten zwölf Monate später Ebern unsicher, wobei ein heimischer Architekt für den Festzug eigens einen orientalischen Prachtpalast konstruierte. Kinder in der Stadt dachten fortan, das Material, aus dem Faschingsrequisiten sind, hieße „Pappmoschee“.

Germanen bei Schlacht im Teutoburger Wald - Fasching beim TV Ebern

Germanen bei Schlacht im Teutoburger Wald – Fasching beim TV Ebern

Aus eben dieser Pampe wurde 1930 unter Leitung des Schreibwarenhändlers Walter Erne eine Germania-Figur geformt, Die „Schlacht im Teutoburger Wald wurde geschlagen“, wozu sich die „Turner“ in eine wilde Horde von Germanen verwandelten. Ebay lieferte noch nicht, und an Plastik-Requisiten aus dem Kostümverleih war nicht zu denken. Also mussten Original-Pelze, Rinderfelle, Trinkhörner und Rehdecken herhalten, was den wackeren Sportskanonen einen richtig barbarischen Ruch verlieh. Gerbermeister Gröhling war damals ein gefragter Mann, und so durfte er dann auch den ruhmreichen Hermann den Cherusker verkörpern. 350 (!) Eberner beteiligten sich an diesem Spektakel, das schnell keiner mehr toppen sollte.

1931 erwarteten die „Turner“ Besuch von der Studentenverbindung „Ebernia“, die sich in vollem Wichs präsentierte, fast so stilvoll wie viele Jahre später die nicht minder trinkfesten Vertreter der waschechten Coburger Verbindung „Franco-Borussia“ bei ihren Marktfesten in Ebern.

Karawane von Beduinen laufen über den Marktplatz - Fasching beim TV Ebern

Karawane von Beduinen laufen über den Marktplatz – Fasching beim TV Ebern

Die Faschingsgaudi 1933 entführte nochmals in den Orient. Scheich Sidi ben Kerim eroberte die Stadt und ließ sich mit „arabischer Nationalhymne“ feiern.

Lange Pause

Dann allerdings gab bald ein anderer Nationalgedanke den Ton im Lande an, und den „Turnern“ verging die Lust an der Narretei. Ein bewaffnetes Volk marschierte erst wieder 1945 über den Marktplatz, als der Krieg verloren war.

Nachbau von Rathaus Ebern bei Faschingsumzug - Fasching beim TV Ebern

Nachbau von Rathaus Ebern bei Faschingsumzug – Fasching beim TV Ebern

Bis 1968 dauerte es, ehe wieder „Ebern, Helau“ durch die Straßen hallte. Die „letzten Bauern“ marschierten auf, wobei der TV die Federführung übernahm und sich umliegende Vereine und Gruppen mit Überraschungsbeiträgen beteiligten.

Der Erfolg war durchschlagend, das Narrenfieber wieder entfacht. Man zog am Kapellenstegsweg und vor der Baywa los, um über die Coburger Straße zur Innenstadt zu laufen. Der Eberner Faschingszug in seiner heutigen Form war geboren, als Spross des Turnvereins, auch wenn der Kulturring drei Jahre später das „Sorgerecht“ über das quickfidele Kind übernahm.

Die Bundeswehr, die Sudetendeutsche Landsmannschaft und die Landwirtschaftsschüler waren anno 1968 noch aktiv. Wie sich die närrischen Zeiten doch ändern.Eine Büttenrede des damaligen TV-Vorsitzenden Bernhard Söhnlein zeigte, dass auch damals Geldnöte wegen eines anstehenden Hallenbadbaus und die Sorgen um das Krankenhaus die Diskussion bestimmten. Also gleichen sie sich doch, die närrischen Zeiten früher und heute!

Abdruck mit freundlicher Genehmigung
Zeitungsbericht vom 24.01.2013 des Fränkischen Tag; Artikel von Eckehard Kiesewetter

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